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Geschrieben von Calahan am 01.05.2008 um 21:07:

  Hardware-Link: "Plädoyer gegen Perfektion"

Zitat:
Original von Hardware
Plädoyer gegen die Perfektion

Eine Neuerscheinung des US-amerikanischen Harvard-Philosophen Michael J. Sandel bespricht die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“). Der Zwang zur Optimierung von Körper und Geist sei allgegenwärtig, schreibt die FAZ, dem halte Sandel sein „Plädoyer gegen die Perfektion“ entgegen.

... Passiert ist laut Sandel das Folgende: ein schleichender Zwang zur Optimierung der menschlichen Natur, zur Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten, zur Ausschöpfung von - horribile dictu - ungenutzten Potentialen. Die Hirnforschung warnt vor „brachliegenden Arealen“, die pränatale Diagnostik mahnt zur „Verantwortung“, wir sind im Bann von Doping und Schönheitschirurgie, der medikamentösen Manipulation von Körpergröße, Muskelkraft, Stimmung und Gedächtnis. Es ist ein Zwang, der schon vor der Geburt einsetzt und uns bis ins Altersheim verfolgt. Ein Zwang, der allgegenwärtig zu werden droht, so dass sich ihm kein Tunichtgut folgenlos entziehen kann. Sandel jedoch hält den Optimierern entgegen: Der Tunichtgut ist gut genug!

http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E1A2E937723154C86B3D857A02A48F8A5~ATpl~Ecommon~Scontent.html


Guten Abend!

Hardware, deine Auswahl an Artikeln ist mal wieder brillant. Besonders dieses zeitgeistkritische Plädoyer darf nicht einfach unkommentiert zwischen anderen Nachrichten versickern.

Es ist höchste Zeit, herauszuarbeiten, von wem diese Treiberei in Richtung Perfektionszwang ausgeht.
Gut ist nie gut genug. Viel ist nie viel genug. Schnell ist nie schnell genug.
Schön ist nie schön genug. Stark ist nie stark genug. Fleißig ist nie fleißig genug, etc......
Menschliche Schwächen dulden diese Einpeitscher höchstens bei sich selbst.

Meiner Meinung nach ist dieses Phänomen einer globalen Offensive des Neoliberalismus zuzuordnen - ausgehend von den Führungsetagen weltweit operierender Unternehmen. Dem Unvollkommenen bleibt nur das Schicksal, an die Wand gequetscht zu werden.
Wer versucht hier, eine auf maximale Kosteneffizienz getrimmte Sklavenrasse heranzuzüchten?

"Durch Deutschland muß ein Ruck gehen" - Vorsicht bei solchen zunächst harmlos erscheinenden Aufforderungen, denn diese elitären Herrschaften meinen nie sich selbst - fordern aber von anderen alles ab.

Doping ist nur ein Symptom. Der wahre Krankheitsherd kann ungefährdet weiterwuchern und seine gewissenlosen Protagonisten gehen über Leichen.



Geschrieben von easyrider am 01.05.2008 um 21:13:

 

@calahan

Die Antwort kann dir ein gewisser Charly Marx geben. Er ist auf dem Hydepark in London beerdigt.



Geschrieben von Pitstop am 01.05.2008 um 21:15:

  RE: Hardware-Link: "Plädoyer gegen Perfektion"

Zitat:
Original von Calahan

Doping ist nur ein Symptom. Der wahre Krankheitsherd kann ungefährdet weiterwuchern und seine gewissenlosen Protagonisten gehen über Leichen.


Da ist was Wahres dran.



Geschrieben von Calahan am 01.05.2008 um 21:58:

 

Die Zusammenhänge liegen meistens im Dunkeln. Aber für mich ist klar, daß Doping nur ein angebrochenes Zweiglein am Ast eines gigantischen Baumstamms namens globale Marktoffensive ist.
Kürzlich hörte ich der Kaste dieser Treiber bei einer Buchvorstellung zu und hätte über die dargebotene Dreistigkeit nicht schlecht gestaunt, wenn ich nicht längst jegliche Naivität in Punkto menschenfreundlicher Top-Manager abgelegt hätte.

http://www.focus.de/politik/deutschland/konvent-fuer-deutschland-die-ruckel-reformer_aid_298584.html

Clement fordert - er fabuliert von einem "Maximum des Erreichbaren", dessen Verteidigung ungenügend sei:

Wolfgang Clement, früherer SPD-Bundeswirtschaftsminister, sieht in dem neuen Wälzer „einen Weckruf, um Deutschland aus der Reformstarre zu holen. Es gibt die Meinung, die Verteidigung des Erreichten sei das Maximum des Erreichbaren“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. Das aber sei ein Irrtum.

RWE-Chef Großmann macht aber anschließend klar, daß er und seinesgleichen nicht an den Maßstäben zu messen seien, für die es beim Volk selbstverständlich keine so großzügigen Toleranzen gibt:

Als wesentliches deutsches Manko hat Energiemanager Großmann mangelnden Mut zum Risiko ausgemacht. Ständig fordere die Gesellschaft Mut, aber der werde nicht honoriert. „Mut bedeutet Risiko, Risiko bedeutet Fehler, und nichts verzeiht unsere Gesellschaft weniger als Fehler.“ Deshalb würden Fehler viel eher verschleiert, statt sie als Antrieb für Verbesserungen zu nutzen. Leider verbindet der Manager die Buchvorstellung mit kaum enden wollender Werbung für seine Branche, sein Unternehmen und vor allem für sich selbst. „Was geschieht mit den Mutigen“, ruft er in den Saal, „die zum Beispiel die Führung eines Energiekonzerns übernehmen?“ Ob der frühere erfolgreiche Stahlmanager jetzt Applaus für seinen neuen Posten erwartet?


In dieser Mentalität, die in Deutschland von den DAX-Unternehmen vorgegeben wird, sehe ich die Wurzel des Übels. Das Erreichbare genügt nicht - man muß immer noch etwas mehr Effizienz rausquetschen. Wie man als normaler Mensch dabei mitkommen soll, hat nicht zu interessieren.
Deswegen war für mich die "Entrüstung" der T-Mobile-Manager, als die Doping-Fälle ans Licht kamen, ein schrecklich unwürdiges Schauspiel. Eine Beleidigung der Intelligenz des Publikums, das da für dumm verkauft werden sollte.


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